À la carte: Experience-Marketing in der Gastronomie

Während meiner Zeit beim Lieferdienst foodora in Düsseldorf und NRW hatte ich Kontakt zu rund 200 Restaurants und Gastronomiebetrieben. Darunter auch Newcomer, die erst wenige Wochen vorher ihren Betrieb aufgenommen hatten. Darunter gab es aber auch eine Vielzahl von Schließungen und Betriebsaufgaben und das bereits im ersten Jahr. Daher war es mir besonders wichtig einige Merkmale festzuhalten, denen ich immer wieder begegnete und die Lokale erfolgreich in Szene setzten. Oftmals waren es Punkte, die viel weiter führten als nur ein gutes Gericht. Das Thema „Experience“, also die Schaffung von Erlebnissen, spielt darin eine zentrale Rolle. Dieser Artikel ist also ein Potpourri aus Impulsen und Inspirationen. Viel Spaß!

Gerichte sind Silber, Erlebnisse sind Gold

Wer denken Sie ist der größte Wettbewerber für Restaurants und die Gastroszene? Sind es die einzelnen Restaurants in der Umgebung? Die Schnellimbisse oder Franchises? Nein: der größte Feind ist die Aufmerksamkeit der Kunden.

Photo by Uriel Soberanes on Unsplash

Heutzutage kämpfen Sie gegen Netflix, YouTube, Shopping- & Gaming-Apps. Potenzielle Kunden, die lieber 3 Stunden lang eine Serie schauen, werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht Ihre Kunden. Warum ist das so? Weil Sie von tollen Erlebnissen angezogen werden. Ein guter Inhalt bindet und entwickelt einen Sog. Entsprechend sollte sich das Erlebnis in Ihrem Restaurant nicht nur auf das Essen fokussieren. Ihr Ziel sollte es sein eine ganze Erlebnisreise zu bieten. Einen Ausbruch aus dem Alltag. Etwas was es sich zu teilen lohnt.

Der Grundstein: Ihre Marke

Für viele ist die eigene Mutter oder der eigene Vater der beste Koch auf der ganzen Welt. Daher ist es nicht abwegig, wenn einige Gerichte mit der „Marke“ verknüpft werden: „Die Spaghetti meiner Mutter sind super lecker“ & „Mein Vater macht die besten Steaks“. Streben Sie ähnliches an. Ihre Marke wird der Grundstein sein, denn niemand spricht einfach nur von einem guten Gericht an der Straße XYZ, sondern der Marke, die sie prägte. Achten Sie auf eine konsistente Geschichte, die Sie erzählen wollen.

Photo by Amador Loureiro on Unsplash

Nutzen Sie Begriffe wie Kochen, Gemeinsam, Zusammen, Geschmack, und andere in der jeweiligen Landessprache der Küche und schon haben Sie einen exotischen aber abgestimmten Markennamen. Wie auch beim Namen gilt bei einem Logo: weniger ist mehr. Ein schöner Schriftzug ist genug, diesen können Sie ohne viel Aufwand sowohl auf hell oder dunkel nutzen und konzentrieren sich auf das Wesentliche statt geschnörkelten Figuren und Grafiken.

Setzen Sie auf das richtige Frontend

In der Softwareentwicklung spricht man oft von Backend und Frontend. Es beschreibt die Eingabe und Nutzeroberfläche (Frontend) und die Verarbeitung und Prozesse (Backend). Ihre Einkäufe, Verwaltung, Vorbereitungen und Küchenabläufe sind Ihr Backend. Hier brauchen Sie ein gutes Fundament. Ihr Frontend ist Ihr Kundenzugang und den müssen Sie beherrschen wie kein Zweiter. Lassen Sie sich inspirieren und seien Sie anders.

Achten Sie auf ein fotogenes Umfeld, denn Ihre Kunden werden Ihre treusten Botschafter. Vermeiden Sie weißes Geschirr und setzen Sie lieber Kontraste. Schweres Besteck vermittelt die Wahrnehmung von Wertigkeit und unterstreicht Ihren Blick für Details. Auch Ihr Personal verdient ein einheitliches Erscheinungsbild. Starten Sie klein bspw. mit einem einheitlichen Halstuch oder Hosenträgern.

Ihr Menü: eine Geschichte auf wenigen Seiten

Photo by Sven Brandsma on Unsplash

Einfache Faustregel: Ihr Menü sollte keine Textflut sein, eine Geschichte erzählen und begeistern – wie ein Buch für Kleinkinder, und weniger als ein Lexikon. Geben Sie Ihren Gerichten daher Raum, in dem Sie sie nicht alle auf eine Din A4 Seite pressen, sondern in Szene setzen. Investieren Sie Zeit in die Beschreibung Ihrer Kreationen. Diese Ausarbeitung wird Sie auch daran hindern zu viele Gerichte anbieten zu wollen. Andernfalls leiden Ihre Kunden schnell unter dem Marmeladen-Paradoxon. Wissenschaftler stellten fest, dass eine größere Auswahl den Entscheidungs- & Kaufprozess von Kunden stört. Und das wollen Sie auf gar keinen Fall.

Old but Gold: Lage, Lage & nochmals Lage

Photo by oxana v on Unsplash

Der alte Spruch des Immobilienmaklers stimmt auch noch in 2020: Lage, Lage & Lage. Der Standort Ihrer Gastronomie wird Einfluss darauf nehmen, wen Sie für Ihre Restaurant Experience begeistern werden. Bevor Sie sich für eine Immobilie entscheiden, prüfen Sie die Gegebenheiten. Investieren Sie Zeit und etwas Geld und setzen Sie sich bspw. in ein naheliegendes Café und beobachten die Passanten zu den Zeiten, an denen Sie sie erwarten würden. Profitieren Sie ggf. auch von anderem gastronomischen Angebot. Es gibt gute Gründe die Nähe zu Ihren Konkurrenten zu suchen: profitieren Sie von mehr Passanten, ausgebuchten Restaurants und in dem Viertel entdeckt zu werden.

Mensch schlägt Zutat

Wenn die Abläufe Ihre Muskeln sind und Ihre Gerichte das Herz, dann sind Ihre Mitarbeiter die Venen und Arterien, um den Organismus „Restaurant“ zusammenhalten. Ihre Mitarbeiter sind erfolgskritisch. Achten Sie daher auch auf deren Interessen.

Photo by Fabrizio Magoni on Unsplash

Sparen Sie sich die Kosten für Externe, die Ihre Social Media Aktivitäten auf Facebook oder Instagram betreuen. Bieten Sie es lieber Ihren Mitarbeitern als Abwechslung an. Diese kennen Ihre Stärken und Kunden am besten und sorgen für neue Ideen und beherrschen die Kommunikationskanäle Ihrer Kunden. Ihre Mitarbeiter sind auch ideale Inspirationsquellen für neue Ideen, seien es Gerichte, Ladengestaltung und mehr.

Mobilisieren Sie Ihre Fans & Community

Viele erfolgreiche Gastronomiekonzepte sind geschickt darin ihre treusten Kunden in Fans und Botschafter zu entwickeln, die weitere Gäste für Sie aktivieren können.

Photo by rawkkim on Unsplash

Involvieren Sie Ihre Gäste in Ihr Konzept: so können Sie diese stärker an sich binden und an Bekanntheit gewinnen. Warum fragen Sie nicht Ihre Gäste nach weiteren Ideen für Gerichte? Laden diese „Behind-the-scenes“ ein, um mehr über die Geschichte und über Sie zu erfahren. Oder bieten Sie kleine Belohnungen an, wenn Gäste Fotos von Ihren Gerichten im Internet teilen. Warum nicht auch einfach Ihren begnadigten Koch für seine tolle Arbeit vor den Gästen loben. Setzen Sie ein Zeichen, dass es mehr als nur um die bloße Befriedigung des Hungers geht. Ein lebendiges Netzwerk aus Ihren Fans unterstützt Sie bei Ihrer Entwickung.

Ist Bares nur Wahres?

Als Kunde kann ich Ihnen eins mit Sicherheit sagen: das Gefühl nicht genau zu wissen, ob man entweder genug Bargeld bei sich führt oder gar mit Karte zahlen kann, ist definitiv nicht schön und sicherlich nicht im Interesse der Gastronomie oder Restaurants. Die Suche nach entsprechenden Hinweisen auf Webseiten, Suchportalen und mehr ist nervenaufreibend und führte hin und wieder zu Entscheidungen gegen bspw. ein Lokal. Seien Sie daher kundenzentriert, denn Kunden zu verlieren ist sicherlich gravierender als eine weitere Zahlungsart anzubieten.

Restaurant in Düsseldorf setzt auf bargeldlose Zahlungsmittel
Restaurant in Düsseldorf setzt auf bargeldlose Zahlungsmittel

Keiner verlangt von Ihnen bspw. sich rein auf bargeldlose Zahlung zu fokussieren (wie im obrigen Beispiel aus Düsseldorf). Studien zeigen, dass Deutschland das Bargeld liebt, aber verpassen Sie nicht die Chance, Touristen oder andere Kundengruppen zu erreichen.

Denken Sie weiter als von Tisch zu Tisch

Ist Ihre Pflicht getan, wenn der Kunde brav bezahlt hat und glücklich gegangen ist? Sicherlich nur zum Teil. Experience Marketing verlangt, dass Sie weiter denken als von einer Reservierung und Bestellung zur nächsten? Ihr Konzept ist ideal für weitere Konzepterweiterungen. Sie haben bspw. Nachmittags geschlossen? Warum öffnen Sie nicht Ihr Lokal für Co-Working für Studenten, die in Ruhe etwas trinken wollen, während Sie ein paar Stunden Lernen oder Arbeiten. Alternativ können Sie auch die Fläche für Events wie Lesungen oder Musik nutzen. Essen und Trinken ist jederzeit eine tolle Ergänzung.

Ihre Kunden sind eher von beschäftigter Natur? Dann setzen Sie auf ein vereinfachtes Menü für Abholer oder ferner Lieferangebote. So beschleunigen Sie den Entscheidungsprozess und erfordern weniger komplexe Gerichte, die ggf. unter dem Transport leiden würden.

Photo by Dan Gold on Unsplash

Pro-Tipp: nehmen Sie etwas Geld in die Hand und drucken Sie bspw. ein paar Sticker oder Etiketten mit Ihrem Logo oder einem markanten Spruch von Ihnen. Gerade jüngere Zielgruppen identifizieren sich sehr gerne mit Marken und scheuen nicht, diese auf Ihren Notizbüchern, Laptops usw. zu präsentieren.

Ihre Kunden ändern sich und Sie sollten es ebenfalls

Sicherlich gibt es Gerichte, die Sie in der Kindheit liebten, aber heute nicht mehr genießen. Vielleicht ist es auch andersrum. So mochte ich bspw. als Kind nie Rosenkohl, fand aber über die letzten Jahre daran Geschmack. Ferner als nur eine persönliche Präferenz sind gesellschaftliche Veränderungen im Konsumverhalten.

Google Trends: Suchbegriffentwicklung für Verganer, Laktoseintoleranz & Glutenfrei
Quelle: Google Trends (22.01.2020)

Veganismus, Intoleranzen und Unverträglichkeiten sind allgegenwärtig. Sehen Sie darin die Chance, Kunden für Ihre Gerichte zu begeistern. Kundenorientiert zu sein, bedeutet auch sich dem veränderten Kundenverhalten anzupassen. Arbeiten Sie idealerweise im Windschatten und profitieren Sie von Trends als sich Ihnen vehement entgegenzustellen.

Ich hoffe, dieser Artikel hat bei Ihnen einige Impulse gesetzt, unabhängig davon, ob Sie bereits aktiv in der Gastronomie tätig sind oder einfach nur mit dem Gedanken spielen.

Guten Appetit!

Samuel

Titelbild: Photo by Fabrizio Magoni on Unsplash

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